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Montag, 5. März 2018

Leere im Duden: Aroser Momente für die Ewigkeit

1:3 - Der EHC Arosa ist erledigt. 3:4 - Die Aroser am Boden, 4:5 - Fertig, das war's. Noch fünf Sekunden und die Hockey-Lichter gehen im Schanfigg aus. Nein, Freunde - Nicht mit dem EHC Arosa! Die Aroser springen dem Teufel von der Schippe, bodigen Bellinzona in extremis mit einem irrsinnigen Kraft- und Willensakt 6:5 nach Verlängerung und gleichen in der Halbfinal-Serie zum 2:2 aus. Das Weisshorn, das Hörnli und alle Aroser verneigen sich vor dieser Mannschaft. 




Da steht er. Ganz alleine. Ramon Pfranger. Einen Moment ist's mucksmäuschenstill im Stadion. Dann Paukenschläge. Und es hallt "Steht auf, wenn Ihr Aroser seid!" durchs Rund. 59:55,6 zeigt die Matchuhr an. Also noch 4,4 Sekunden. Der EHC Arosa steht am Abgrund. Alle zehn Zehen ragen ins Leere hinaus. Dazu noch eine Ferse. Und der Wind bläst von hinten. Tief geht es hinunter, sehr tief. Es gibt nur noch eine Möglichkeit. Pfranger muss treffen. Der Pfiff von Schiedsrichter Hässig. Drei Schritte Anlauf, dann ist der EHC Arosa-Goalgetter beim Puck, der auf dem Mittelpunkt bereit liegt. Zuerst ein Bogen nach rechts. Pfranger nimmt Tempo auf. Kurzer Blick nach oben. Dann Gewichtsverlagerung nach rechts und sofort nach links. Jetzt eine Körpertäuschung nach rechts. Bellinzona-Goalie Beltrametti ist nur noch einen Meter von der letzten Aroser Hoffnung entfernt. In kompakter Haltung steht der Tessiner Schlussmann da. Und dann zieht Pfranger die Scheibe blitzschnell nach links. Beltrametti verliert das Gleichgewicht, kippt wie ein fehlgegossener Zinnsoldat nach hinten und unsere #81 versenkt den Puck ins Eck! GOOOOOOOOOOOAAAAAAAL, EHC AROSA!

"Pack die Badehose ein", so der Titel des allseits bekannten Liedes von Conny Froboess. Leute, nochmals: 4,4 Sekunden war der EHC Arosa von den verhassten Ferien entfernt. Aber Ramon Pfranger hatte keine Lust auf Peach Weber und Sun, Fun and nothing to do und rettet die Aroser in die Verlängerung. Dabei ist der EHC Arosa eigentlich schon vorher fix und foxi. Nach einem super Start und der Führung durch Kieren Webster, kassieren die Blaugelben drei Tore in Unterzahl und liegen zur Spielhälfte 1:3 zurück. Zu diesem Zeitpunkt deutet fast nichts auf eine Auferstehung des Heimteams hin. Die Mannschaft aber bleibt ruhig. Ganz ruhig. Und lauert auf ihre Möglichkeiten. Und die kommen. Beim 2:3-Anschlusstreffer wird Yannick Bruderer durch Olivier Hostettler brillant angespielt und schliesslich schlenzt "Bruda" den schwarzen Kobold unters Tordach. Auch der Ausgleich fällt im Powerplay. Dieses Mal lässt Bruderer im Nahkampf ums gegnerische Gehäuse nicht locker und drückt die Scheibe irgendwie über die Linie.

Toooooor, EHC Arosa!
Die Momente nach einem erzielten Tor sind immer die heikelsten. Statistisch ist eine Mannschaft, die eben einen Treffer erzielt hat, immer dann am anfälligsten. Und genau das widerfährt dem EHC Arosa an diesem Abend auf brutale Art gleich zweimal. Noch liegen sich die Zuschauer nach Bruderers 3:3 in den Armen, da hämmert Giona Bionda lediglich elf Sekunden später die Scheibe zum vierten Tessiner Tor in die Maschen. Die Fans sind in Schockstarre. Dann die 54. Minute. Ramon Pfranger dringt mit Tempo in die Offensivzone ein, zuckt dabei zweimal mit den Schultern und der Gegenspieler macht schön die Gasse auf. Wohl zur Freude von Friedrich Schiller und Willhelm Tell kommt der Schuss dann auch durch diese hohle Gasse. Der Weg des Pucks führt aber nicht nach Küssnacht am Rigi, sondern ins Bellinzona-Tor am Fusse der Büros von Arosa Tourismus. 4:4. Und dann, Potz Holzöpfel und Zipfelchappe, schiessen diese Bellinzonesi wieder nur 23 Sekunden später schon wieder ein Tor. Jetzt muss mit dem Allerschlimmsten gerechnet werden: Totaler Moralbruch bei den Arosern.

Denkste. Das Publikum wird laut. Hilft der Mannschaft. "Arooosa, Arooosa, Aroooosa!" Die Mannschaft nimmt wieder Fahrt auf. Mit Wucht landet sie einen Angriff nach dem anderen. Eine Minute und zehn Sekunden vor Schuss winkt Trainer Haueter seinen Torhüter nach draussen. Dann allerdings Bully in der Aroser Zone, Kunz zurück im Tor. Bully-Gewinn EHC Arosa, Kunz fährt wieder raus, noch 47 Sekunden. Die Aroser beissen sich im Tessiner Drittel fest und sorgen da für hurrikanartigen Wirbel. Dieser bringt soviel Chaos, dass ihn der Aroser Wettermann Reto Vögeli wohl gar mit "Irma" vergleichen würde, der letztes Jahr in Florida arge Verwüstungen angestellt hatte.

Die Zuschauer sind schlicht fantastisch und helfen dem EHC Arosa enorm!
Den Gästen fliegt der Puck nur so um die Ohren und irgendeiner von denen initiiert dann die Rettung des EHC Arosa. Er verschiebt willentlich das Tor, was gemäss Regelbuch in den Schlussminuten automatisch zu einem Penalty führt. Die Fortsetzung ist bekannt.

Diese Blicke der Aroser beim Gang in die Kabine - Wahnsinn! Jeder einzelne Spieler ist total geflasht ab diesem unglaublichen Akt in den letzten Sekunden. Trainer Marc Haueter nützt das Momentum und lässt seine Pferde galoppieren. Er verlangt vom Team, nun "auf tutti" zu gehen. Und genau so spielt die Mannschaft. Zweimal benötigt es zwar einen fantastischen Goalie Andrin Kunz, der dicke Chancen der GDT Bellinzona zunichte macht. Aber insgesamt ist der EHC Arosa die viel bessere Mannschaft in der Verlängerung. Das Team rennt um jede Scheibe, kämpft wie Berserker und spielt vor allem Eishockey. Mit viel Mut und ohne Angst, alles zu verlieren, agieren die Aroser und werden gottseidank belohnt. Fünf Minuten vor dem Ende der Verlängerung setzt Fadri Holinger die Gäste in deren Drittel massiv unter Druck und provoziert einen Scheibenverlust. Loris Weber setzt exzellent nach, spielt die Scheibe Reto Amstutz zu und der fährt in die rechte Bandenecke hinunter. Auf Höhe der Grundlinie dann plötzlich ein Antritt des Aroser Captains. Amstutz lässt sich leicht hinter die Torverlängerungslinie fallen und zieht dann scharf vors Tor. Und jetzt, und jetzt, und jetzt? Goalie Beltrametti stochert ihm entgegen, wehrt sich wild, aber... die Scheibe kommt vors Tor und unser Captain setzt nach und... macht siiiiie!! GOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOAAAAAAAAAL, EHC AROSA!

Der Moment des entscheidenden Treffers: Reto Amstutz tritt nach 74:16 zum 6:5!
Der EHC Arosa gewinnt ein total verrücktes Spiel. Ein Spiel, das eigentlich dreimal verloren ist. Die Zuschauer rasten komplett aus. Trompeten-Sigi, extra für dieses Match angereist, trötet mit einer inbrunst auf seinem Instrument, so dass einem dabei fast das Herz explodiert und die Freudetränen in die Augen schiessen. Auf dem Eis und auf den Rängen liegen sich alle in den Armen. Von einem magischen Abend zu sprechen, ist total untertrieben. Konrad Duden hat in seinem Wörterbuch anno dazumal bei der Erstausgabe 1880 kein passendes Wort zur Beschreibung des Passierten an diesem Sonntag, 4. März 2018 festgehalten. Und auch 138 Jahre danach gibt es keinen adäquaten Ausdruck, der dieser Leistung des EHC Arosa gerecht wird. Dies braucht es aber auch nicht. Jeder, der im Stadion war, hat seine eigenen Bilder von diesem Match. Es sind Momente für die Ewigkeit.

Trompeten-Sigi und seine Frau mitten in den Zuschauern.
Am kommenden Dienstag (20.15 Uhr) kommt's nun zum entscheidenden fünften Playoff-Halbfinalmatch in Bellinzona. Der EHC Arosa hat sich die Chance auf die Finalqualifikation redlich verdient.

EHC Arosa - GDT Bellinzona 6:5 n.V. (1:2, 1:1 3:2, 1:0)
Sport- und Kongresszentrum, Arosa, 665 Zuschauer, Schiedsrichter Hässig; Breitenmoser, Eichenberger

Tore: 6. Webster (Carevic) 1:0, 14. Bianchi (PP, Bionda, Fuchs) 1:1, 20. Schena (PP, Masa, Gianella) 1:2, 28. Bianchi (PP, Fuchs, Bionda) 1:3, 33. Bruderer (Hostettler) 2:3, 47. Bruderer (PP, Roner) 3:3, 47. Bionda (Schnüriger) 3:4, 54. Pfranger (Bandiera) 4:4, 54. Guidotti 4:5, 60. Pfranger 5:5, 75. Amstutz 6:5

Strafen EHC Arosa: 4x2 Minuten
Strafen GDT Bellinzona: 5x2 Minuten

EHC Arosa: Kunz; Agha, Haueter, Hoffmann, Carevic, Pfosi, Klopfer, Cola, Roner, Bruderer, Bandiera, Bossi, Pfranger, Gruber, Amstutz, Weber, Webster, Hostettler, Holinger

GDT Bellinzona: Beltrametti; Spinetti, Gianella, Rochat, Salerno, Pietro, Fratessa, Bernasconi, Bianchi, Lakmatov, Schena, Bionda, Schnüriger, Fuchs, Rosselli, Masa, Guidotti, Albisetti, D'Ambrogio, Schmid

Bemerkungen: EHC Arosa ohne Sprecher und Steiner (beide verletzt), Dimasi (krank), Gadient (überzählig)

Playoff-1/2-Finals, 4. Runde (Best-of-five):
EHC Arosa (4.) - GDT Bellinzona (2.) 6:5 n.V. (2:2)

Playout-Final, 5 Runde (Best-of-five):
EHC Uzwil (9.) - SC Weinfelden (10.) 4:3 (3:2)

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